Predigt Adlerflügel oder gestutzte Flügel. Jahreswechsel 2025-26
Description
Predigt Adlerflügel oder gestutzte Flügel. Jahreswechsel 2025 – 26
Lesung: Jesaja 40,25-31, Evangelium: Lukas 2,16-21
Ein junger Adler fiel aus dem Nest. Ein Bauer fand ihn am Boden liegend und brachte ihn zu seinen Hühnern in den Stall. Nach kurzer Zeit benahm sich der Adler wie die Hühner und pickte ebenso wie diese die Körner vom Boden.
Nach Monaten besuchte ein Freund den Bauern und sagte: „Der Vogel dort ist ja ein Adler!“ „Nein,“ meinte der Mann, „ich habe ihn zum Huhn erzogen. Er hat sogar das Fliegen verlernt.“ „Nein,“ sagte der Besucher, „sieh die mächtigen Schwingen. Er ist und bleibt ein Adler, weil er das Herz eines Adlers hat.“ Mehrere Male versuchte er daraufhin, den Adler mit kräftigem Schwung in die Luft zu werfen, zuerst vom Boden aus, dann vom Dach des Hühnerstalles, dann vom Balkon des Hauses aus, aber jedes Mal blickte der Adler zu den Hühnern hinunter, sprang oder segelte kurz hinunter und pickte wieder nach den Körnern. Der Mann meinte: „Ich habe dir ja gesagt: Er ist und bleibt ein Huhn.“ Der Tierkenner gab nicht auf. Am nächsten Morgen nahm er frühmorgens den Adler mit auf einen Berg. Eben ging die Sonne auf. Er hob den Adler in die Luft, und sagte: „Flieg, Adler, flieg. Du gehörst dem Himmel und nicht der Erde.“ Der Adler erzitterte, als erfülle ihn neues Leben. Doch er flog nicht. Da nahm der Mann den Kopf des Adlers und ließ ihn geradewegs in die Sonne blicken. Nun stieß der Adler einen Schrei aus, hob sich mit seinen mächtigen Schwingen in die Lüfte und flog höher und höher.
Warum erzähle ich diese Geschichte heute am Jahresschluss: Was kann sie uns am Ende dieses Jahres 2025 sagen?
Wo bin ich in diesem Jahr aus dem Nest gefallen?
Wurde ich dann von jemanden gefunden und betreut?
Wem habe ich geholfen, den Adler in sich zu finden und zu fördern?
Wer sind die Leute auf der Welt, die aus dem Nest gefallen sind und nicht gerettet wurden, sondern sogar gezielt sterben mussten?
Von Gott und uns Menschen größer denken
Eines ist klar: Gott will nicht, dass wir verschreckte Hennen sind, die auf die Körner warten, die uns andere hinwerfen. Die Töpfe der Bequemlichkeit, der Feigheit und der schnellen Befriedigung von Bedürfnissen sind zu wenig für ein erfülltes Leben und dem Mitwirken an einer gerechteren Welt. Gott denkt von uns größer und wir sollen von ihm und uns Menschen größer denken.
Am Mittwoch in der zweiten Adventwoche haben wir beim Rorategottesdienst die Worte vom Propheten Jesaja gehört, die wir heute nochmals als Lesung genommen haben. Da heißt es im Blick auf Gott und uns Menschen:
Mit wem wollt ihr mich vergleichen, Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat diese Gestirne erschaffen? Er gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke. Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen. Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft,
wie Adlern wachsen ihnen Flügel.
Ein Jugendlicher in unserem Seelsorgeraum hat zu Weihnachten eine Jacke bekommen mit diesen Worten von Jesaja: Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Auf der Jacke ist ein großer Adler sichtbar. Für den Jugendlichen sind die Worte motivierend.
Ja, Gott will, dass wir unsere Flügel nützen. Bei der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste Sinai ruft Gott den Menschen zu: Ihr habt gesehen wie ich euch auf Adlerflügel getragen und hierher zu mir gebracht habe. (Exodus 19,2-6a)
Wenn junge Adler fliegen lernen und sie bei den ersten Versuchen ermüden, fliegen die älteren Tiere unter sie, fangen sie auf und tragen sie zurück zum Horst. Ist das nicht ein wunderbarer Vorgang in der Natur. Es ist auch eine Zusage, wie Gott wirkt und wie viele Menschen unterstützend wirken.
Weltweites Jahr der Hoffnung
Wir stehen am Ende von Jahr der Hoffnung. War es für dich ein Jahr der Hoffnung? Wir stehen am Ende vom Jahr der Hoffnung. Am 6. Jänner wird die Heilige Pforte im Petersdom geschlossen. Ich hoffe, dass damit nicht die Türen der Hoffnung zugeschlagen werden.
Mir ist klar: Wir können Hoffnung nicht machen, aber wir haben den Auftrag, sie zu suchen und den Blick auf das positiv Motivierende zu richten.
So möchte ich mit den Gedanken eines Freundes zur Hoffnung schließen, die er mir heuer in der Weihnachtspost geschickt hat:
Hoffnung ist nicht Optimismus oder Verdrängung. Hoffnung ist Widerstand gegen die Verzweiflung. Sie ist ein radikaler Akt des Vertrauens in die Zukunft. Die biblische Hoffnung unterscheidet sich vom weltlichen Wunschdenken. Sie gründet in der Zusage Gottes – in Befreiung, Rettung und Erlösung.
Wenn wir Hoffnung ernst nehmen, bedeutet das: Wir treten ein für Frieden, wo Hass wächst. Wir geben nicht auf, wo andere sagen: „Es hat doch keinen Sinn.“ Wir glauben daran, dass Veränderung möglich ist – persönlich, politisch, global. Aus dieser Hoffnung erwächst unsere Ausdauer. Sie hält uns dazu an, trotz Rückschlägen und trotz der anhaltenden Krisen dranzubleiben, auszuhalten und immer wieder neu zu versuchen. Sie ist der Glaube, der in die Tat übersetzt wird, in dem Wissen, dass unser Handeln nicht vergeblich ist
In diesem Sinn möchte ich das Jahr 2025 mit der Ermutigung zur Hoffnung abschließen und mit Hoffnung auf das Jahr 2026 blicken. Dies gelingt, wenn wir von Gott und von uns Menschen größer denken. Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel.
Details
- Date: 31. Dezember 2025
- Preacher: Franz Troyer
- Passage: Jesaja 40,25-31