Beschreibung

Dekanatswallfahrt Maria Lavant 1. Mai 2019

Zachäus. Hör mir auf mit diesem Unsympathler. Stinkreich reich ist er und mächtig. Einer von denen da oben, von den Besseren eben. Einer von denen, die es sich gerichtet haben. Mit einem tollen Haus. Wunderschönen Teppichen. Da sieht man, wer das Geld hat, und die Macht.
Wobei: Das alles hat er nur, weil er uns bis aufs Blut ausgesaugt hat. Zölle hat er eingetrieben, unbarmherzig. Ausgesackelt hat er uns. Und deshalb mag ihn nie-mand. Verhasst ist er. Alle meiden ihn. Da nützt ihm das ganze Geld nichts. Er soll nur spüren, dass wir ihn nicht mögen. Und dazu hat er ja noch ein Problem, der Zachäus. Das gönnen wir ihm. Er ist einfach zu kurz geraten. Zu klein. Vielleicht muss er uns ja auch deshalb so erniedrigen.
Zachäus hat ein Problem. Er ist zu alt, um noch zu wachsen. Klein wie er ist, sieht er nicht über die Menschenmenge drüber. Sie versperrt ihm die Sicht. Aber – und das erzählt uns die frohe Botschaft über ihn: Er wächst über sich hinaus. Er erlebt ein inneres Wachsen. Unglaublich!

Auf die Frage, welches Wort wir über diese Dekanatswallfahrt stellen könnten, habe ich vorgeschlagen: „Wer nicht wächst, geht ein.“
Wachsen ist das Um und Auf. Momentan auf den Feldern sowieso. Die Saat soll aufgehen. Die Wiesen sollen blühen. Wenn es kalt wird oder der Regen ausbleibt, dann ist Gefahr in Verzug. Dann hört das Wachsen auf. Dann droht alles, mickrig zu bleiben oder einzugehen.
Und in der Wirtschaft geht es ja auch ums Wachsen. Ein Betrieb, der nicht wächst, hat keine Chance, so sagt man. Wobei: Dass ein ständiges Wachsen nicht möglich ist, weiß auch jeder. Es gibt immer ein Auf und Ab. Aber insgesamt muss ein Betrieb gesund sein und innere Kraft haben, sonst geht er ein.

Wie ist das beim Christsein? Ganz gleich. Christen, die in ihrem Glauben nicht wachsen, gehen ein.
Mir ist vor einiger Zeit eine Aussage von Papst Franziskus in die Hände gefallen, die mich seitdem begleitet und immer neu fasziniert. Sie drückt so wunderbar aus, was Sache ist. Der Papst hat dieses Wort bei der Morgenmesse in Santa Marta am 12. März 2018 gesagt: „Es gibt so viele Christen im Stillstand, die nicht weiter gehen; Christen, die im Sand der Alltagsdinge steckengeblieben sind – auch gute Leute, aber sie wachsen nicht, sie bleiben klein. Geparkte Christen. Sie haben sich einge-parkt. Christen im Käfig, die nicht fliegen können mit dem Traum, zu dem Gott uns ruft.“
Wenn wir im Zusammenhang mit Kirche vom Wachsen reden, dann denken wir zu-erst immer an Zahlen. Alles wird weniger, die Zahlen nehmen ab, die Kirchgänger, die Priester, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Also müssen wir was tun, dass die Kirche wieder wächst.
Wer vom Wachsen im Glauben redet, spricht zuerst einmal nicht von Zahlen, son-dern von einem inneren Wachstum. Nicht die Quantität entscheidet, sondern die Qualität. Es geht darum, tiefer zu werden, sich mehr und mehr vom Evangelium prägen zu lassen, christlicher zu werden.

Der Papst hat schon Recht. Es gibt so viele gute Leute, wunderbare Menschen, die sich engagiert einbringen in die Gesellschaft, die vorbildlich leben und handeln. Sie sind Christen, aber wenn man genauer hinschaut, dann stecken sie in ihrer Glaubensentwicklung fest, dann stagnieren sie, oder sie sind in den Kinderschu-hen des Glaubens steckengeblieben.
Und die Frage richtet sich nicht nur an die anderen, sondern an mich und dich: Wachse ich im Glauben? Gibt es bei mir eine Dynamik der Entwicklung und des Wachstums? Mache ich die Erfahrung, dass mir mein Glaube schrittweise mehr be-deutet, vielleicht auch nur in ganz kleinen Schritten, aber immerhin?

Und da kommt jetzt wieder dieser Zachäus ins Spiel. Ja, er ist unsympathisch, ver-hasst, reich und klein. Aber: Er will scheinbar wachsen. Wie lässt es sich sonst er-klären, dass er auf einen Baum klettert, um Jesus zu sehen?
Sicher: Man könnte sagen, er ist einfach nur neugierig. Muss alles haben, was die anderen auch haben. Muss alles im Blick behalten. Wenn die ganze Stadt von Je-sus redet, dann steht es auch einem Zachäus zu, diesen berühmten Mann zu se-hen.
Ich denke, dass es anders ist. Die revidierte Einheitsübersetzung sagt es so: „Er suchte Jesus, um zu sehen, wer er sei.“ (Lk 19,3) Er suchte Jesus. Suchen und Sehnsucht gehören zusammen. Was Zachäus antreibt, ist mehr als Neugierde. Was Zachäus antreibt, ist der Funken einer Sehnsucht in seinem Herzen.
Zachäus sucht MEHR in seinem Leben. Er spürt wohl, dass all das, was ihm sein sattes Leben bietet, nicht genügt, nicht gänzlich befriedigt, innerlich nicht satt macht, nicht erfüllt. Da muss es doch mehr geben! Da muss es doch etwas geben, das die Seele ganz nährt. Und deshalb, deshalb will er einen Blick auf Jesus erha-schen.
Jeder Mensch sucht nach MEHR im Leben. Auch jene Menschen, die mit dem Glauben und der Kirche nicht mehr verbunden sind, die müde geworden sind, die enttäuscht sind, Menschen, die uns und die wir nicht mehr verstehen.
Wie können wir Wege finden, um diese Menschen wieder anzusprechen? Wie können wir für uns selber Wege finden, um im Glauben nicht steckenzubleiben? Wie können wir wieder Lust finden am Voranschreiten im Glauben?
Das Wesentliche zeigt uns dabei Zachäus. Als er im Baum sitzt, schaut Jesus hin-auf zu ihm. Und da begegnen sich die Augen der beiden. Die Augen Jesu schauen in die Augen des Zachäus. Es ist dieser kostbare Augen-Blick, der alles entscheidet. Im Augenblick, in dem sich die Blicke treffen, weiß Zachäus, wo das Mehr in seinem Leben zu finden ist.

Wie im Glauben wachsen? Indem wir uns dem Blick Jesu aussetzen, regelmäßig Zeit einplanen, mit unserem Herzen auf Jesus zu schauen. Jeden Tag ein paar Mi-nuten, zum Beispiel am Abend.
Wie im Glauben wachsen? Indem wir gastfreundlich sind wie Zachäus. Wer ande-ren die Tür öffnet, entdeckt oft, dass mit dem anderen ein Mehr an Glück und Segen ins Leben einziehen. Das gilt spirituell wie auch gesellschaftlich.
Wie im Glauben wachsen? Zum Beispiel durch Weggemeinschaften, wie sie unse-re Diözese derzeit forciert. Regelmäßig für eine Stunde in kleiner Gemeinschaft zu-sammenkommen, um sich von den Worten der Heiligen Schrift treffen zu lassen, um den Glauben in den Alltag hineinzutragen, um wachsam zu werden für Men-schen, die unsere Hilfe und Aufmerksamkeit brauchen.
Und bei allem entscheidend ist ein Wort, das im heutigen Evangelium zwei Mal vor-kommt: Heute. „Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben.“ (Lk 19,5) „Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden…“ (Lk 19,9) Also: Beginnen wir heute! Helfen wir mit, dass der Glaube wachsen kann.
Jakob Bürgler

Details
  • Datum: 1. Mai 2019
  • Prediger:
  • Bibelstelle: Lukas 19,1-9