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Predigt Stefansdom Wien. Global denken und konkret handeln.

  1. März 2026 anlässlich des Vorsitzes des Landes Tirol im Bundesrat mit Herrn Bundesratspräsidenten Markus Stotter, BA,

Lesung: Apostelgeschichte 15 – Apostelkonzil

Evangelium: Matthäus 5,1-11 – Seligpreisungen Jesu

 

Der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig schrieb im Jahr 1927 ein Buch mit dem Titel „Sternstunden der Menschheit“. Er beschreibt dort einige Ereignisse, die den Verlauf der ganzen Weltgeschichte geprägt haben. In Anlehnung an den Buchtitel möchte ich ein Ereignis aus der Bibel auch als Sternstunde der Menschheit bezeichnen. Es ist das sogenannte Apostelkonzil, das im Jahr 48 oder 49 in Jerusalem stattgefunden hat. Wir haben heute davon in der Lesung gehört.

 

Nun, warum erzähle ich heute im Rahmen der Feierlichkeiten rings um den Bundesrat unserer Republik Österreich dieses Ereignis: Weil es methodisch und inhaltlich für mich aufzeigt, wie Demokratie und Konfliktlösung im Angesicht von wichtigen und herausfordernden Fragen gelingen können.

 

Modellhafte Schritte zur Konfliktlösung

So möchte ich zunächst die Schritte der Konfliktlösung beim Apostelkonzil beschreiben, wie sie in der Bibel so wunderbar beschrieben werden:

Schritt 1: Die Christen in Antiochia erleben Streit und Unsicherheit rings um die Frage, ob neue Christen zuerst Juden werden müssen oder nicht, ob sie beschnitten werden müssen oder nicht. Leider findet sie keine schnelle Lösung der für sie wichtigen Frage.

Schritt 2: So schickten sie Paulus und Barnabas nach Jerusalem mit der Bitte, dort die Streitfrage zu klären.

Schritt 3: Paulus und Barnabas werden in Jerusalem von der Gemeinde, den Aposteln und den Ältesten wohlwollend empfangen, ihr Anliegen wird gehört und ausführlich erörtert.

Schritt 4: Die Beratenden in Jerusalem bleiben nicht nur beim Reden, sondern beschließen gemeinsam eine gute Kompromisslösung. Der Beschluss wird in einem Brief schriftlich festgehalten.

Schritt 5: Barsabbas und Silas werden beauftragt, den Brief als Boten aus Jerusalem nach Antiochia zu bringen und dort mit ihren Worten und ihrer Präsenz den Inhalt zu erklären, zusätzlich zum geschriebenen Wort.

Schritt 6: In Antiochia findet der Lösungsvorschlag aus Jerusalem die Zustimmung der dortigen Gemeinde.

 

Wir sehen: Gott sei Dank führte der Streit nicht zu gegenseitigen Verletzungen und zu einer dauerhaften Trennung, sondern zu einem gut überlegten Weg in die Zukunft. Hier hatten Menschen einen Blick für die Zukunft. Sie haben sich nicht verzettelt in Kleinkram und Kleinkrieg.

Ich frage mich manchmal:

Was wäre gewesen, wenn die Leute in Antiochia gesagt hätten: „All das geht niemanden was an, das klären wir unter uns!“

Was wäre gewesen, wenn Paulus und Barnabas in Jerusalem misstrauisch als Störenfriede empfangen worden wären?

Was wäre gewesen, wenn die Beschlüsse ohne Gespräch mit den Betroffenen einfach über eine E-Mail oder Instagram, über Zeitungen oder als Befehl von oben übermittelt worden wären?

Zum Glück ist es nicht so verlaufen. So sehe ich in dieser Sternstunde beim Apostelkonzil nicht nur eine Entscheidung, welche die Entwicklung unserer Kirche und Welt wesentlich geprägt hat, sondern auch einige gute Anregungen für uns heute. Drei Anregungen möchte ich herausgreifen:

 

Global denken und konkret handeln

Die Mitglieder beim Apostelkonzil waren lösungsorientiert und nicht problemfixiert. Sie suchten die großen Zusammenhänge. Auch heute geht es darum, die großen Zusammenhänge nicht aus den Augen zu verlieren und gleichzeitig konkret zu handeln. Ich finde dieses Zusammenspiel spannend und hilfreich, im persönlichen Leben und in der Politik.

 

Würde des Menschen – Christliches Menschenbild

Petrus betont beim Apostelkonzil, dass Gott die Herzen aller Menschen kennt und keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden macht. Alle werden durch die Gnade Jesu gerettet und nicht durch ihren eigenen Verdienst. Diese Worte des höchsten Vertreters der Apostel atmen eine große befreiende Weite.

Das Wissen um einen Gott, der die Herzen kennt und keine Unterschiede macht, beflügelt und entlastet.

Der Glaube, dass wir durch die Gnade Jesu gerettet werden, schützt uns vor kluger Besserwisserei oder der Neigung, sich gegenseitig zusätzliche Joche aufzulegen.

Die Überzeugung, dass der Heilige Geist in uns allen wirkt und bei den Entscheidungen hilft, gibt Selbstsicherheit.

Spannend finde ich die Frage, wie diese Überzeugung des Apostels Petrus in die Politik übertragen werden kann. Es wäre auf jeden Fall falsch nach dem Motto zu leben: hier die Logik des Glaubens und dort die beinharte Politik.

 

Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen

Es ist ein Segen für eine Gesellschaft, wenn viele Menschen die Bereitschaft haben, Verantwortung zu übernehmen. Das hat andere Folgen als die Neigung ständig alles zu kritisieren, von der Coach aus die Welt zu kommentieren, aber selber nichts zu tun. Es ist ein Segen für eine Gesellschaft und Kirche, wenn alle eingebunden sind und nicht nur einzelne über die Köpfe und Herzen der anderen hinweg entscheiden. Wir müssen nachdenken, wie dies gelingen kann.

Details
  • Date: 10. März 2026
  • Preacher:
  • Passage: Apostelgeschichte 15