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Predigt Würde ist kein Konjunktiv oder Jesus ist kein Wenn-Dann Typ

Evangelium: Johannes 4, So 8.3.2026, 3. Fastensonntag

 

Ich weiß nicht, wer von euch die Kapelle in unserem Krankenhaus Lienz kennt.

Viele Patienten und Patientinnen gehen dorthin, um zu beten und Kraft zu schöpfen, jeden Donnerstag um 18 Uhr ist ein Gottesdienst. In der Kapelle liegen auch kleine Anregungen mit Gebeten und Texten zum Mitnehmen auf.

Derzeit hängt z.B. an der Wand eine Karte mit dem Text: „Würde ist kein Konjunktiv“. Diese Formulierung ist ein Wortspiel zwischen der Würde des Menschen und der Konjunktivformulierung: „Ich würde das und das tun!“

Wir merken den großen Unterschied: Beim Wort Würde geht es entweder um einen hohen Wert oder um Unverbindlichkeit und sogar um Ausreden: „Wenn dies und jenes geschehen würde, dann würde ich …“.

Würde ist kein Konjunktiv. Wie ich die Karte mit diesem Text gesehen habe, ist mir sofort das heutige Evangelium eingefallen. So möchte ich den Satz mit dem heutigen Evangelium von der Frau am Jakobsbrunnen in Verbindung bringen.

 

Wie zeigt Jesus der Frau am Jakobsbrunnen ihre Würde

Zunächst die Frage: Wie zeigt Jesus der Samariterin ihre Würde, die sie in ihrem Leben so oft nicht bekommen hat.

Jesus bittet die Frau um etwas: Gib mir zu trinken!

Jesus redet mit der Samariterin. Das ist für uns heute hoffentlich selbstverständlich. Zur Zeit Jesu war es mehr oder weniger verboten, dass ein Jude mit jemanden vom verhassten Volk der Samariter redet, geschweige denn mit einer Frau. Jesu bricht diese dumme Grenzsetzung auf.

Jesus spricht nicht nur heuchlerisch oder Wischiwaschi mit der Samariterin, sondern spricht einiges ganz direkt an.

Wir sehen: Jesus ist kein „wenn – dann Typ“, der alles an Bedingungen knüpft. Er handelt nicht nach dem Motto:

Ich würde mit dir reden, wenn du keine Samariterin wärst.

Ich würde mit dir reden, wenn du nicht dieses und jenes getan hättest.

Ich würde mit dir reden, wenn ich damit nicht den Ärger der anderen abkriegen würde.

Das ständige Setzen von Bedingungen „wenn – dann“ oder die chronische Unverbindlichkeit ist nicht die Methode Jesu. Die Frau fühlt sich dadurch ernst genommen und einzigartig, sie spürt ihre Würde.

 

Würde ist nicht oberflächlich, sondern geht in die Tiefe

Noch ein zweiter Gedanke zur Würde. Würde kann nicht nebenbei erworben werden. Würde ist nicht eine Frage der Oberfläche, sondern der Tiefe.

Würde ist viel mehr als Kosmetik oder eine schnelle Schminke.

 

Dies zeigt sich im tiefen Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin, aber auch schon in der schönen Tatsache, dass das Gespräch an einem Brunnen stattfindet. Der Brunnen steht für Quelle und Wasser, für Durst und Stillen des Durstes, auch für Reinigung. Brunnengespräche gehen oft sehr tief und führen in die Tiefe.

 

Zu einem erfahrenen Berater kam einmal jemand und bat um Hilfe. Dieser ging mit dem Hilfesuchenden zu einem Brunnen. Sie setzten sich hin. Der Berater war einen Stein in den Brunnen und fragte: „Was siehst du?“ Die Antwort war: „Wasser, das sich bewegt, aber sonst nichts.“  Der Berater blieb einfach still sitzen und schaute lange aufs Wasser. Die Bewegung im Wasser hörte auf und das Wasser war ganz ruhig. „Was siehst du jetzt“, meinte der kluge Berater. „Jetzt sehe ich mich wie in einem Spiegel.“ Der Berater meinte: „Wenn du ständig Steine hineinwirfst in deine Seele, dann siehst nie dein Leben und deine Tiefe. Würde spürst du nicht in der Oberflächlichkeit, sondern im ehrlichen Blick in die Tiefe.

 

So schließe ich mit folgendem Text: Der Weg zu Christus ist der Weg zur Wahrheit und zur Selbsterkenntnis. Aber ich muss tief hinab in mein Inneres, um am Grund des Brunnens mein eigenes Spiegelbild zu erkennen. Erst wenn ich tief genug in mir einkehre, wenn ich ohne Angst mein Spiegelbild betrachte, finde ich mich selbst. Hier berührt mein Angesicht die Ikone Christi. Aus dem Geheimnis der Begegnung mit Christus entspringt das Wasser, das meinen Durst stillt. (Erich Purk, in: Aufbruch für die Seele. Kalender für die Fasten- und Osterzeit 2026)

Details
  • Date: 7. März 2026
  • Preacher:
  • Passage: Johannes 4