Die Gruftkapelle, im Volksmund Grüftl genannt, gehört zu den großen Besonderheiten von Oberlienz. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert. Gott sei Dank wurde die Gruftkapelle beim Brand der Pfarrkirche im Jahr 1809 nicht beschädigt und blieb so in seiner Einzigartigkeit erhalten. Die Gruppe der „Grüftljuden“ wurde im Jahr 1707 vom Moserbauer Adam Moser gestiftet. Die insgesamt sechszehn Figuren zeigen durch ihre Größe (ca.150 cm), durch die Körperhaltung und durch ihren Gesichtsausdruck die Hinterhältigkeit und Grausamkeit der Menschen. Leider wurden über viele Jahrhunderte solche Darstellungen der Passion Jesu missbraucht, um rassistisch gegen die Juden zu hetzen. Heute wird uns klar, dass uns die Passion Jesu an die friedliche Erlösung durch Christus erinnert und uns wachrütteln will, Grausamkeit, Intrigen und die Eigendynamiken von Hetze und Lüge zu durchschauen.

Die sechszehn Figuren zeigen von links nach rechts vier Ereignisse der Passion Jesu:
- a.) Geißelung: Jesus ist an der Geißelsäule gebunden, zwei Schergen schlagen verächtlich auf ihn ein.
- b.) Ölbergszene: Christus blickt zum Engel hinauf, der mit Kreuz an der Decke der Gruftkapelle hängt, die drei Apostel schlafen.
- c.) Verspottung und Dornenkrönung: Jesus ist voll Blut bedeckt, ein Scherge streckt die Zunge heraus, zwei andere schwingen voll spöttischem Genuss Schwert und Keule.
- d.) Kreuzweg: Jesus trägt sein Kreuz und ist an einen Strick gebunden, den ein Scherge zieht, ein anderer Scherge geht mit erhobener Hand und einen Knüppel hinter Jesus her.
Einzig zwei Personen wirken bei diesem grausamen Spiel nicht mit. Ein Mann kniet mit einem Wassergefäß am Ende des Kreuzes wohl mit dem Ziel, den Durst Jesu zu stillen und seine Wunden zu waschen. Veronika steht mit den Schweißtuch fast verdeckt im hinteren Eck. Am Tuch sind die Gesichtsabdrücke Jesu sichtbar. Sie konnte das Leid Jesu etwas lindern, aber nicht verhindert.