Mehrerere Vorgängerkirchen bezeugen ein frühes christliches Leben in Oberlienz. Im Bereich der Kirche wurden bei den Ausgrabungen im Jahr 1987 Spuren einer frühchristlichen Kirche aus dem 5. Jahrhundert gefunden. Eine Besonderheit besteht darin, dass ca. 100 Meter östlich davon Reste einer weiteren frühchristlichen Kirche entdeckt wurden. Warum zwei Kirchengebäude nebeneinander? Wurde eine Kirche als Arianische Kirche genützt?

Eine Urkunde aus dem Jahr 1308 zählt zehn Kirchen in Lienz und Umgebung auf. Unter diesen wird auch die Kirche „St. Maria in Oberlienz“, die benachbarte Kirche „St. Georg“ und die „Kirche der seligen Helena am Berg“ genannt. Am Beginn des 15. Jahrhunderts wurde ein gotischer Neubau errichtet. Die Kirche wurde verlängert, die Breite der Vorgängerkirche blieb gleich.

Um 1762 erfolgte – dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend.- die Barockisierung der gotischen Kirche. Man entfernte die gotischen Gewölberippen und gestaltete die Fenster um. Das Aussehen veränderte sich besonders durch die neue Ausmalung der Kirche. Der berühmte österreichische Freskenmaler Josef Adam Mölck (er malte u.a. auch die Pfarrkirchen Lienz St. Andrä, Sillian und Hall aus) verwandelte die Kirche zu einen Barockjubel. Leider konnte dieser Schatz nur wenige Jahrzehnte bewundert werden.

Im Rahmen der Tiroler Freiheitskämpfe brach über Oberlienz am 8. August 1809 großes Leid herein. Neben den vielen Bauernhöfen und dem neu errichteten Widum legten die französischen Soldaten auch Feuer in der Kirche. Interessanterweise blieb die Gruftkapelle verschont. Durch den Brand wurde der Großteil der Kirche zerstört, einzig einige Mauerteile und der Kirchturm blieben stehen.

Südseite der Pfarrkirche Oberlienz: Gregormesse, um 1460/70
Südseite der Pfarrkirche Oberlienz: Gregormesse, um 1460/70

Zum Glück konnte das gotische Fresko an der Südseite der Kirche (Brixener Malschule; ca. 1460/1470) erhalten bleiben. Es zeigt die sogenannte Gregormesse, nämlich Papst Gregor mit Tiara, einen Kardinal mit Kardinalshut und Kreuz und einen Bischof kniend vor einem Altar. Auf dem Altar befinden sich nicht nur das Messbuch und ein Kelch mit Wein und Brot als Gaben für die Hl. Messe, sondern Jesus selbst, der als Schmerzensmann einem Grab entsteigt. Oberhalb der drei betenden Kirchenmänner sind die Werkzeuge der Passion Jesu abgebildet: Geisel, Geiselsäule mit Hahn, Lanze und Dornenkrone. Sie erinnern die Betrachter an die Leiden Christi und das Geschenk seiner Erlösungstat am Kreuz.

Die leidgeprüfte Bevölkerung begann sofort nach dem Brand unter Maurermeister Thomas Pichler mit dem Wiederaufbau der Kirche. Der Maler Christoph Brandstätter aus Kötschach-Mauthen gestaltete die Kirchendecke. Im Jahr 1824/25 (Signierung am Chorbogen) erfolgte ein wichtiger Abschluss der Arbeiten. 1862 bekam die Kirche neue Glocken, die aufgrund ihres Gewichtes zwei Jahre später wohl zum Einsturz des Kirchturmes führten. Durch den Einsturz verschwand auch die barocke Zwiebelhaube des Turmes. Nach dem Wiederaufbau des Turmes in den Jahren 1869/71 stattete man diesen im Jahr 1887 mit einem gotischen Spitzhelm aus.

Foto von 1879 mit dem wiedererrichteten Turm (der im Jahr 1864 eingestürzt ist), aber noch ohne den gotischen Spitzhelm, der 1887 errichtet wurde. Auffällig ist das große Kreuz an der östlichen Friedhofsmauer.
Foto von 1879 mit dem wiedererrichteten Turm (der im Jahr 1864 eingestürzt ist), aber noch ohne den gotischen Spitzhelm, der 1887 errichtet wurde. Auffällig ist das große Kreuz an der östlichen Friedhofsmauer.

Die teilweise Regotisierung der Kirche im Jahr 1908 und weitere Restaurierungen in den Jahren 1929, 1953/54 und 1986/87 geben der Pfarrkirche Oberlienz das heutige Aussehen.

Altarbild Maria Himmelfahrt von Johann Waginger Lienz
Altarbild Maria Himmelfahrt von Johann Waginger Lienz

Hochaltar: Altarbild Maria Himmelfahrt und Apostelstatuen

Beim Wiederaufbau der Kirche nach dem Brand im Jahr 1809 wurde ein neuer Altar im Barockstil errichtet. Das schöne Hauptbild, das die Himmelfahrt Mariens darstellt, malte Johann Waginger aus Lienz. Als Vorlage benützte er ein Bild des berühmten Künstlers Martin Knoller aus der Pfarrkirche Niederdorf in Südtirol. Das Bild zeigt, wie Maria, begleitet von Engeln, in den Himmel auffährt. Sie trägt ein weißes Kleid mit blauem Tuch, ihr Haupt ist von einem Kranz mit 12 Sternen umhüllt.  Maria faltet die Hände und blickt zum Himmel. Die Apostel haben sich rings um das Grab Mariens versammelt. Zwei Apostel schauen erstaunt ins leere Grab hinein, einer hält noch das weiße Grabtuch in seinen Händen. Der Apostel Johannes, erkennbar am jugendlichen Gesicht und der grünroten Kleidung, hält sich am Grab fest und richtet den Blick zum Himmel. Ein Apostel zeigt mit dem Finger zum Himmel, ein anderer (stehend ganz links am Bild, Petrus?)  hat beide Hände andächtig vor seine Brust gelegt. Das Bild drückt eine tiefe Verbundenheit der Apostel mit Maria aus und zeigt das Staunen über das Unerklärliche der Himmelfahrt Mariens. Beim Patrozinium der Pfarre am 15. August wird dieses Geheimnis alljährlich gefeiert.

Rings um das zentrale Altarbild stehen vier große Figuren, die in weißer Farbe gefasst sind. Sie stammen vom Osttiroler Barockkünstler Johann Patterer (und seiner Schule?). Ursprünglich schmückten die vier Figuren die Johanneskirche in Lienz, die beim Stadtbrand 1798 zerstört und anschließend nicht mehr aufgebaut wurde.

Apostel Simon (Säge), Johannes der Täufer (Zeigefinger und Kreuz), Apostel Johannes (Kelch mit entweichender Schlange), Apostel Judas Thaddäus (Christusbild und Keule)
Apostel Simon (Säge), Johannes der Täufer (Zeigefinger und Kreuz), Apostel Johannes (Kelch mit entweichender Schlange), Apostel Judas Thaddäus (Christusbild und Keule)

Es lohnt sich, die vier Figuren genauer zu betrachten. Ganz links steht der Apostel Simon, der in der Bibel den Beinamen „Zelotes (Eiferer) trägt. Diesen erhielt er wohl aufgrund seiner ursprünglichen Zugehörigkeit zur radikalen Gruppe der Zeloten, die sich zum Ziel setzte, die römischen Besatzer gewaltsam zu vertreiben. Nach der Himmelfahrt Jesu verkündete Simon das Evangelium in Babylonien und Persien, wo er zusammen mit Judas Thaddäus den Märtyrertod erlitten haben soll. Dabei soll er zersägt worden sein. Deshalb wird er meist mit einer Säge dargestellt. Wir feiern seinen Gedenktag am 28. Oktober.

Rechts neben dem Apostel Simon befindet sich die beeindruckende Statue von Johannes dem Täufer. Mit einem langen Zeigefinger weist Johannes auf Jesus hin, um die Botschaft zu verkünden: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ (Johannesevangelium 1,29) Johannes ist der Bußprediger und Wegbereiter Jesu. Meist wird er in der Kunst mit einem Fellgewand, mit einem Lamm, dem Kreuzstab und dem Zeigegestus dargestellt, oft auch verbunden mit dem Spruchband „Ecce Agnus Dei = Seht das Lamm Gottes“. Sein Gedenktag ist alljährlich am 24. Juni.

Der Apostel Johannes wird in der christlichen Tradition als Verfasser des Johannesevangeliums verehrt. So sind ein Buch und der Adler, der auf die mystischen Höhen seines Evangeliums hinweist, meist die Attribute dieses Apostels. Der Kelch mit der Schlange geht auf die Legende zurück, dass Johannes im Artemis-Tempel von Ephesus nicht opfern wollte. Als Strafe sollte Johannes vergifteten Wein trinken, doch das Gift entwich aufgrund seiner Segensworte in Form einer Schlange. Das Fest des Evangelisten Johannes bildet am 27. Dezember einen Teil der Weihnachtsfeiertage.

Ganz rechts am Hochaltar steht die Statue des Apostels Judas Thaddäus. Man darf diesen nicht verwechseln mit dem Apostel Judas Iskariot, der Jesus an den Hoherat übergeben hat. Außer dass Judas Thaddäus in der Bibel in den Listen der zwölf Apostel aufscheint, wissen wir wenig von ihm. Die Legenda Aurea – ein weit verbreitetes Heiligenbuch des Mittelalters – überliefert, dass Judas Thaddäus nach der Himmelfahrt Jesu zu König Abgar nach Edessa geschickt wurde. Dieser hatte Lepra und wollte, dass Jesus zu ihm komme, um ihn zu heilen. Der heilige Judas Thaddäus überbrachte ihm aber ein Abbild Jesu, das den König vollständig genesen ließ. Deshalb wird Judas Thaddäus gerne mit einem Christusbild dargestellt. Da Judas der Tradition nach zu Tode geprügelt wurde, wird er oft zusätzlich mit einer Keule, einer Hellebarde, einem Schwert oder einem Beil gezeigt. Judas Thaddäus wird weltweit in großen Anliegen und Nöten angerufen. Sein Gedenktag ist am 28. Oktober.

Deckengemälde

Christoph Brandstätter malte die neu errichtete Decke der Kirche aus und signierte sein Werk im ersten Joch mit „Christoph Brandstätter pinxit 1824“. Die Decke ist in vier Joche eingeteilt. Das Bildprogramm stellte Bezüge zu Oberlienz und zur Muttergottes her.

Joch 1 Deckenmaler Pfarrkirche Oberlienz: Die Jüdin Ester vor König Artaxexes
Joch 1 Deckenmaler Pfarrkirche Oberlienz: Die Jüdin Ester vor König Artaxexes

Am ersten Joch sehen wir, wie sich die Jüdin Ester beim Perserkönig Artaxerxes (Xerxes I?) für ihr jüdisches Volk einsetzt. Im Königsgewand mit einer Krone am Haupt und begleitet von zwei Dienerinnen kommt sie zum Thron des Königs. Dieser reicht ihr den Zepterstab und bringt damit zum Ausdruck, dass ihr Wunsch erfüllt wird. Ester rettet damit ihr Volk vor einem Pogrom. Das jüdische Purimsfest geht auf ihre große Befreiungsaktion zurück. Ester zählt mit Miriam und Judith zu den großen Frauen des Alten Testaments und zu den christlichen Vorbotinnen für Maria, die durch Jesus Christus die Befreiung der ganzen Menschheit brachte. Warum für die Pfarrkirche Oberlienz die seltene Darstellung von Ester ausgewählt wurde, geht aus den Bauurkunden nicht ausdrücklich hervor. War es die Verbindung zu Maria, war es die Sehnsucht nach Schutz vor weiteren Zerstörungen durch feindliche Herrscher?

Die beiden Evangelisten Markus (erkennbar am Löwen, rechts vom Bild) und Matthäus (mit Engel, links vom Bild) flankieren die Darstellung von Königin Ester.

Die Bildfläche des zweiten Joches zeigt Maria als Himmelskönigin. Sie trägt eine Krone und hält in der rechten Hand den Zepterstab und in der linken ihren Sohn. Maria sitzt auf einer Wolke, aus der der Hl. Geist in Form einer Taube- nicht gemalt, sondert plastisch dargestellt – herausfliegt. Rings um die Wolke versammeln sich Engel, um Maria zu verehren. Vier größere Engelgestalten sind besonders markant, zwei davon sind die Erzengel Gabriel (mit der Lilie) und Michael (mit Schwert und Schild zu seinen Füßen). Ob die beiden anderen die Erzengel Raphael und Uriel sind, lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Ist der Engel mit dem Kind, das eine Pilgermuschel trägt, der Erzengel Raphael oder allgemein ein Schutzengel? Die vierte große Engelgestalt hebt der Himmelskönigin eine Schale mit brennenden Herzen entgegen. Auffällig ist sein Kopfschmuck in Form eines Sterns. Ist dies der Lichtengel Uriel oder ein Engel, der ein Lichtopfer darbringt?

Das Bild der Himmelskönigin wird in den angrenzenden Zwickeln durch vier Bilder umrahmt. Diese zeigen die vier westlichen Kirchenvätern Ambrosius, Hieronymus, Gregor und Augustinus. Sie sind mit ihren Namen klar gekennzeichnet.

Maria Himmelskönigin umrahmt von Engeln; der Hl. Geist in der Mitte des Bildes
Maria Himmelskönigin umrahmt von Engeln; der Hl. Geist in der Mitte des Bildes
Maria als Fürsprecherin bei Jesus für Oberlienz
Maria als Fürsprecherin bei Jesus für Oberlienz

Das Bild im 3. Joch zeigt eine ländliche Landschaft mit den drei Kirchen Oberlienz, Oberdrum und am Berg das Helenenkirchl. Eventuell kann mit der Kirche am Berg auch die Kirche in Glanz gemeint sein. Dann wären hier in der Pfarrkirche die Kirchen der damaligen drei Gemeinden Oberlienz, Oberdrum und Glanz abgebildet. Im Vordergrund sehen wir Bauern bei der Arbeit. Ihre Arbeit steht unter dem Schutz Mariens, die für sie auf den Wolken schwebend bei Christus Fürbitte einlegt. Jesus Christus ist mit einem großen Kreuz dargestellt. Er, der für die Menschheit sogar gestorben ist, wird unsere Bitten zum Guten wenden. Der schwebende Putto mit Füllhorn, in dem Obst und Getreide drinnen sind, bezeugt die Zusage, dass sich Gott segensreich auf die Fürbitte Mariens um die Menschen kümmert. Auch die beiden Evangelisten Lukas (mit Stier und Marienbild) und Johannes (mit Adler), die links und rechts vom Bild dargestellt sind, erzählen in ihren Evangelien vom Heil und der Heilung, die durch Jesus geschehen.

Cäcilia an der Orgel mit zwei musizierenden Engeln und einem singenden Putto
Cäcilia an der Orgel mit zwei musizierenden Engeln und einem singenden Putto

Das vierte Joch befindet sich fast gänzlich oberhalb der Empore. Das zentrale Mittelbild ist durch die Orgel teilweise verdeckt. Es zeigt Cäcilia an der Orgel mit zwei musizierenden Engeln und einem singenden Putto. Auch in den Zwickeln sehen wir musizierende Putti mit Trompete, Fagott, Oboe und Horn. Damit steht das vierte Joch unverkennbar unter dem Thema Musik zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen.

Beim Eintreten in die Kirche drängt sich an der Unterseite der Empore sofort ein Bild in Grisailletechnik ins Blickfeld. Es stellt die Berufung des Apostels Petrus dar und erinnert die Kirchenbesucher an ihre eigene Berufung. Die geschriebenen Worte am Bild verdeutlichen dies: „Und Jesus sprach zu Simon: fürchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen fangen. Luc. Vs 10,3“ Die Inschrift an der Gebälkinnenseite der Empore erinnert an den Brand von 1809 und den sofortigen Wiederaufbau: „1809 den 8ten August ist dies Gotteshaus durch die Franzosen abgebrannt. Dann wieder neu renoviert, anno 1824 + 25.“

Eingang Kirche, Unterseite Empore Pfarrkirche Oberlienz
Eingang Kirche, Unterseite Empore Pfarrkirche Oberlienz

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