Predigt Michaelskirche als Wegweiser
Description
Predigt Michaelskirche als Wegweiser. Rindermarktfest 20. Juni 2026
„Wie kommt man hier in Lienz zum Krankenhaus?“ „Ganz einfach: Fahren Sie die Beda Weber-Gasse entlang und dann bei der Kirche abbiegen.“ Diese Info habe ich schon oft gegeben. Jeder versteht sie. Ja, unsere Michaelskirche dient oft als Wegweiser. Dies hat mich angeregt nachzudenken, wie und warum die Michaelskirche in mehrerlei Hinsicht ein Wegweiser war und ist, damals und heute.
Wegweiser Kirchturm
Ich finde den Kirchturm der Michael- kirche besonders gelungen. Seine schlanke Zwiebelform gibt ihm Eleganz und Leichtigkeit. Wenn ich im Krankenhaus Besuche mache, dann schaue ich immer vom Fenster des Südtrakts hinunter zur Michaelskirche und auf die Stadt Lienz. Ein schöner und wichtiger Anblick. Derzeit ist die Fassade des Turmes ziemlich dreckig und die Dachschindeln und einige Balken sind beschädigt. Im Sommer 2026 wird dies restauriert und dann steht dieser Wegweiser wieder leuchtend da. Möge der Turm uns mitten im Wirbel des Alltags an die Verbindung zwischen Himmel und Erde erinnern.
Wegweiser Kirchentür
Die Kirchentür ist mit einem wunderschönen spätgotischen Portal versehen. Oberhalb der Tür steht die Jahreszahl 1510. Die Kirche selbst wird erstmalig in einem Dokument aus dem Jahr 1308 bezeugt, von den archäologischen Studien der 1980er Jahre wissen wir, dass ca. 50 Jahre vorher im 13. Jahrhundert hier eine romanische Kirche gebaut wurde. Diese wurde dann vor allem durch die Unterstützung der Familie von Graben als gotische Kirche umgebaut.
Die Tür zur Kirche ist seit 500 Jahren offen. Stimmt nicht ganz. Zwischendurch gab es Zeiten, wo die Kirche gesperrt war. Für die heutige Zeit ist für mich klar. Die Kirchentür muss offen sein und offenbleiben. Offene Kirchentüren laden ein, einzutreten und zu verweilen. Sie erinnern uns auch daran, dass im Leben Türen wichtiger sind als Mauern und Grenzen.
Wegweiser Michael mit Seelenwaage und Drache
Der Hl. Michael ist mehrmals hier in der Michaelskirche dargestellt: Zentral am Hochaltar sehen wir die große Figur, ganz oben am linken Seitenaltar ist ein Bild von Michael. Auch oberhalb der Kanzel steht eine Statue des Hl. Michael. Übrigens: Eine Kopie dieser Statue gibt es bei der Verkaufssaustellung zum Verkauf –
Oberhalb von Hl. Michael am Hochaltar lesen wir den Schriftzug „Quis ut Deus“, übersetzt „Wer ist wie Gott?“. Ja, der Wegweiser Michael erinnert uns daran, dass Gott der Höchste und das höchste Ziel ist. Er erinnert uns an unsere Werte und das, was wirklich zählt. Der Erzengel Michael gilt als Führer der himmlischen Heerscharen und ist somit gleichsam oberster Schutzengel der Menschheit. Er hat zwei Aufgaben: Beschützer der Menschheit gegen das Böse und Engel mit der Seelenwaage.
Deshalb hält in der Darstellung am Hochaltar den langen Speer, mit dem er den Drachen des Bösen besiegt. Merkwürdigerweise fehlt hier der Drachen, vielleicht auch ein Bild dafür, dass das Böse oft nicht so leicht sichtbar ist.
Michael hält bei vielen Darstellungen auch die Seelenwaage, etwa hier auf der Kanzel. Mit der Seelenwaage werden die guten und schlechten Taten der Menschen abgewogen. Er ist der Engel, der beim Weltgericht auftritt.
Offene Himmel – Deckengewölbe
Ich möchte noch zwei Wegweiserfunktionen unserer Michaelskirche aufzeigen.
Das eine ist der Blick in die Decke. Die Decke wurde im Rahmen der Gotisierung um 1520 von Bartlmä Viertaler gestaltet. Wunderbar sind die zarte Rippenstruktur und die achteckigen Blütensterne. Diese Decke gibt Halt und hält gleichzeitig den Himmel offen. Sie hat etwas Leichtes. Ist das nicht ein wunderbares Bild für Kirche. Die Kirche muss Stabilität bieten und gleichzeitig den Himmel offenhalten.
Grabplatten – konkrete Menschen
Und zuletzt noch als Wegweiser die Grabplatten, die an konkrete Menschen erinnert. Hier in der Michaelskirche sind u.a. viele Grabplatten der Adelsfamilie von Graben, allen voran Virgil von Graben an der Südseite des Altarraumes. Er hat 1501 und 1503 in zwei Briefen eine Stiftung für die Michaelskirche eingerichtet.
Konkrete Menschen als Wegweiser, damals und heute. Danke für konkrete Menschen im Laufe der Geschichte und dank für konkrete Menschen heute.
„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“ (Gebet aus dem 14. Jahrhundert)
Details
- Date: 20. Juni 2026
- Preacher: Franz Troyer