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Predigt Vitales Herz und schützende Hülle. Pfingsten 2026

Lesung: Apostelgeschichte 2,1-11; Evangelium: Johannes 20,19-23

 

Ich fahre jedes Jahr mit den Neugefirmten unseres Seelsorgeraums Ende August nach Assisi. Dort besichtigen wir u.a. auch die große Kirche Santa Maria degli Angeli, die im Volksmund als Portiunculakirche bekannt ist. Ich nehme an, viele von euch kennen dieses große Gebäude, in dem mitten in der großen Kirche aus dem 16. Jahrhundert eine kleine Kapelle steht.

Zur Zeit des Hl. Franziskus stand nur die Kapelle, ringsherum war Wald.

Franziskus hat die damals baufällige Kapelle selber renoviert.

Hier fanden zu Pfingsten die großen Hauptversammlungen der Brüder statt, im Jahr 1221 waren es bereits 5000 Brüder.

In der großen Kirche ist neben der kleinen Kapelle noch eine zweite kleine Kapelle, die Sterbekapelle. Hier starb vor genau 800 Jahren – am Abend des 3. Oktobers 1226 – der Hl. Franziskus.

Dieses Kirchengebäude mit der kleinen Kapelle mitten in einer großen Kirche hat mich angeregt, über das Wesen und die Aufgabe der Kirche nachzudenken. Ich mache dabei einen Blick auf die kleine Kapelle, dann auf die große Kirche und verbinde dies mit Beobachtungen zum Auftrag der Kirche.

Die kleine Portiunculakapelle als vitales Herz

Beginnen wir mit der kleinen Portiunculakapelle: Sie ist das Herzstück und Zentrum des Gebäudes

Wer hier betet, spürt die mutmachende Kraft des Glaubens.

Wer hier betet, reiht sich in die lange Kette von Millionen Menschen ein.

Wer hier betet, ahnt etwas von der innigen Stunde der Jünger im Abendmahlsaal: Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist. (Johannes 20,21-22)

Diese wunderbare Kapelle symbolisiert für mich die zentrale Aufgabe der Kirche, Raum für innige und mutmachende Gotteserfahrungen zu ermöglichen.

 

Die große Kirche aus dem 16. Jahrhundert als schützende Hülle

Kommen wir jetzt zur großen Hülle aus dem 16. Jahrhundert. Ich sage es ganz direkt: Mir gefällt dieser Riesenbau von 115 m Länge und 75 m Höhe nicht. Ich finde diese Hülle leer und auch zu groß. Wenn die große Hülle verschwinden und die Kapelle wie zu den Zeiten des Franziskus mitten im Wald stehen würde, dann wäre die Gegend von Portiuncula viel romantischer und schöner.

Und doch: Das zarte Herzstück der Kirche braucht eine Hülle und einen Schutz.

Nun, was ist diese Hülle der Kirche? Es ist ihre Struktur und Organisation.

 

Anhand des Gebäudes kann man recht gut aufzeigen, welchen Sinn und welche Gefahren die Struktur und Organisation der Kirche enthält.

Die Organisation soll das Zentrum schützen.

Sie soll nicht kunstvoll ausgeschmückt sein, nicht ablenken, sondern zum Zentrum hinführen.

Ich habe den Eindruck, dass wir in der Kirche im Laufe der Jahrhunderte sehr viel Hüllen und Verpackungen angesammelt haben und so oft das Zentrum verdeckt haben. Wenn wir allzu sehr mit der Hülle und mit dem Renovieren der Hülle beschäftigt sind, dann vergessen wir das Zentrum.

 

Mut zu neuer Freiheit

Die Kirche braucht den Mut, manches ab zu reißen, wie es der Hl. Franziskus getan hat. Für eine große Pfingstversammlung der Brüder baute die Gemeinde von Assisi eine große Halle. Als Franziskus diese sah, stieg er aufs Dach und warf die Ziegel hinunter. Er hat damit ganz handgreiflich gezeigt, dass starke Mauern oft ein- und aussperren und jede Beweglichkeit nehmen.

 

Gleichzeitig würde ich davor warnen, in der Kirche alle Hüllen ab zu reißen und von einer Weltkirche zu träumen, die keine Strukturen hat. Das finde ich naiv. Wer dies fordert, vergisst, dass es Regenperioden gibt und die Menschheit leider allzu ängstlich ist. Nicht alle Christen und Verantwortliche in der Kirche sind charismatische Persönlichkeiten wie Jesus oder der Hl. Franziskus.

 

Gestern nach der Firmung hat ein Vater zu mir gesagt. „Heute fordern die einen ein neuen Seelenplatzerl, die anderen Zeit für Wellness. Ich brauche das alles nicht. Mein Seelenplatzerl ist die Sonntagsmesse.“

Wir sehen: Wer dieses Herzstück der Kirche erfährt und schätzen darf, der hat ein starkes Herz fürs Leben

 

Die Kirche von Portiuncula mit seinem Herzstück und der notwendigen, aber oft ablenkenden Hülle als Bild für die Kirche überhaupt.

Das Gebäude der Kirche hat keinen Selbstzweck. Es will auch kein Museumsstück sein.

Die Kirche will und soll mithelfen, dass viele Menschen die innige und ermutigende Begegnung mit dem Auferstandenen haben, der sie anhaucht. Empfanget den Hl. Geist.

Details
  • Date: 24. Mai 2026
  • Preacher:
  • Passage: Johannes 20,19-23